Mindestens einmal im Jahr mit dem Motorrad in die Alpen fahren – das war mein vor einigen Jahren gefasster Vorsatz. Was aber tun, wenn neben Job und Familie nur ein paar Tage zur Verfügung stehen und der Weg weit ist? Trotzdem fahren, denn in vier Tagen kann man einiges erleben.
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Dunkel und bedrohlich türmen sich die Wolken über dem Montblanc-Massiv und der Wind frischt auf. Auf der Anreise hatten wir Glück. Nur ein kurzer Schauer am Lac de Gruyère, ansonsten bleiben wir trocken. Nach rund 700 Autobahnkilometern biegen wir in Martigny auf die Route de la Forclaz ab und wissen die trockenen Kurven über den gleichnamigen Pass voll zu schätzen. Endlich Landschaft, endlich Schräglagen, endlich den Anreise-Stumpfsinn mit einem Dreh des Handgelenks wegfegen.
Doch jetzt zuckt schon der erste Blitz über Chamonix, dichtgefolgt von einem dumpfen Donnergrollen, das durch die steil aufragenden Felswände offenbar verstärkt wird. Kurz darauf öffnet der Himmel seine Pforten und lässt die Straße binnen Minuten unter der Wasseroberfläche verschwinden.
Geröll und Sand bahnt sich seinen Weg bis auf die Hauptstraße und die Arve – ein kleiner Nebenfluss der Rhone – wird zusehends zum zornigen Gebirgsbach. Wir retten uns für knapp 12 Kilometer in den Mont-Blanc-Tunnel und hoffen vergeblich auf Wärme im Inneren und bessere Wetterbedingungen auf der italienischen Seite des Bergmassivs.
Gewitter mit Temperatursturz - Alpen pur
Unser Tagesziel im französischen Séez liegt keine 60 Kilometer entfernt, doch der Ritt über den Kleinen Sankt Bernhard auf 2188 Meter hat es in sich. Die Temperaturen fallen mit unwetterbedingt verfrüht einsetzender Dämmerung in den einstelligen Bereich und die Regenkombis haben dem stetig einprasselnden Regen längst nichts mehr entgegenzusetzen.
Gespenstisch ragen die Ruinen des ehemaligen Hospizes aus den schnell ziehenden Wolkenfetzen und vom namensstiftenden Heiligen Bernard von Menthon, der als Nachfolger vom römischen Gott Jupiter als informeller Grenzhüter zwischen Italien und Frankreich auf einem Monolithen thront, ist kaum mehr als eine unscharfe Silhouette zu erahnen.
Napoleon III hat die Verbindung zwischen dem Val-d’Isère und dem Aostatal zu verantworten. Der Krieg war hier 1940 opferreich zugegen, mutmaßlich wählte Hannibal diese Route bei seinem Zug über die Alpen und der Peloton der Tour de France passierte gar viermal diesen alpinen Grenzpunkt. Aber das ist mir gerade herzlich egal, denn das Wasser steht schon in den Stiefeln.
Mit gerade noch zu verantwortender Geschwindigkeit eilen wir dem Ziel entgegen und werden oberhalb von Séez wie die Mücken vom Licht von der warmen Aura des Hôtel Belvédère angezogen, wo wir herzlich empfangen werden und den zugegebenermaßen etwas ruppigen Anreisetag beim Ziel-Bier und zünftiger Verpflegung ausklingen lassen. Wie gut, dass wir uns bewusst gegen die Zelt-Option entschieden haben, sonst würden wir jetzt irgendwo am Petit Saint Bernard in der nass-kalten Dunkelheit in unseren Plastik-Herbergen hocken.
Zaghafte Sonne hellt auch die Stimmung auf
Am nächsten Morgen sieht die Welt deutlich weniger finster aus und die noch zaghafte Sonne sorgt dafür, dass sich die Feuchtigkeit Richtung Himmel verflüchtigt. Wir haben viel vor heute und müssen uns ranhalten. Im Fokus unseres Kurztrips steht die Assietta-Kammstraße.
Wenn das Wetter nicht mitspielt oder wir auf der selbstverständlich möglichst schönen und kurvenreichen Anreise zum großen Schotter-Vergnügen zu viel Zeit vertrödeln wird das nix, denn morgen muss es schon wieder gen Norden gehen – zumindest, wenn wir einen Gewalt-Ritt nach Hause vermeiden wollen. Und dieser Plan steht hoch im Kurs. Wir folgen dem Lauf der Isère am Lac de Tignes vorbei bis zum Lac du Chevril, wo der Fluss aufgestaut wird.
Die 180 Meter hohe Staumauer galt zur Zeit der Erbauung in den 1950er-Jahren als größter Bogenstaudamm Europas. Für das beeindruckende Bauwerk mussten die Bewohner von Tignes allerdings ihre Häuser räumen, denn das Dorf verschwand 1952 planmäßig in den Fluten des Stausees.
Unnötig zu erwähnen, dass der vorangegangene Widerstand der Bevölkerung entsprechend groß war. Die 2003 zum 50-jährigen Jubiläum der Mauer aufgestellte Statue erinnert an den untergegangenen Ort. Das heutige Tignes ist eine Wintersport-Hochburg und eines der prominentesten Ski-Gebiete in Frankreich. Kaum zu übersehen, denn entlang der Passstraße zum Col de l’Iseran ragen die Liftpfosten aus der Landschaft wie Salzstangen aus einem Mettigel.
Ohne Schnee sieht die Wintersport-Infrastruktur wenig zauberhaft aus. Die Berge, die sich darüber erheben, sind allerdings atemberaubend. Beim Anblick der Alpen fühle ich mich immer, als sähe ich das Hochgebirge zum ersten Mal. Die Wirkung dieses Panoramas nutzt sich auch nach Tagen und Wochen nicht ab. Im Gegenteil, je länger ich in der Bergwelt unterwegs bin, desto verbundener fühle ich mich mit der schroffen Morphologie dieses tektonischen Naturwunders.
Westalpen: Auf den gängigen Strecken ist viel los
In einer der ersten Serpentinen der Passstraße halten wir an, um die mittlerweile sonnige Szenerie auf uns wirken zu lassen, während hinter uns Wohnmobile, Rad- und Motorradfahrer dem mit 2764 m höchsten befahrbaren Pass der Alpen entgegenrauschen. Anlasser an, Pathos-Modus aus – jetzt gilt alle Aufmerksamkeit der Straße und wir geben uns den Schräglagen hin. Die Passhöhe selbst ist – wie könnte es anders sein – gut besucht, weshalb wir GS und AT die Sporen geben.
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Wer gerne mal das Motorradschuhwerk gegen Wanderstiefel tauscht, kann vom Parkplatz aus relativ einfach auf den knapp über 3000 m hohen Pointe des Lessières steigen und sich das Getümmel am Iseran von oben anschauen.
Auf der Südseite zweigt ein Schottersträßchen bis ans Ufer des Ruisseau de la Lenta, einem glasklaren Gebirgsbach ab. Unweit der lose über den Hang verteilten, sehr urtümlich wirkenden Steinhäuser grasen Kühe und lassen sich auch vom Klang der Zweizylinder nicht von ihrem Tageswerk abringen. Die Sonne steht schon hoch und wir müssen weiter. Das ist die Schattenseite eines Kurztrips – keine Zeit zum Trödeln, keine Chance für Müßiggang am Wegesrand.
In Lanslevillard biegt die Straße zum Col du Mont Cenis ab. Fünf stattliche Kehren und etliche Mäander später überqueren wir die Passhöhe und blicken kurz darauf über den Lac du Mont Cenis, der wegen seines türkisfarbenen Wassers dem Mittelmeer Konkurrenz machen könnte. Wir sind gebannt, halten hier und da für einen Foto-Stopp und beschließen unsere Mittagsrast auf der hölzernen Terrasse des Restaurants Le Hott zu verbringen. Die Aussicht ist fantastisch, das Essen ebenfalls. Nur leider können wir auch die Wolkenbildung weiter südlich über unserem Zielgebiet beobachten. Wird schon gut gehen.
Übrigens hat auch das Aufstauen dieses Sees einen Kollateralschaden gefordert, nämlich ein Hospiz, das sich unweit des ursprünglich natürlichen Gewässers befand. Die Folgen einer ersten Aufstauung tangierten die Jahrhunderte alte Herberge nicht, doch mit dem Bau der heutigen Mauer in den 1960er-Jahren verschwand das Gebäude unter der Wasseroberfläche. Hinter der Staumauer tatzelwurmt die Straße noch durch alpine Kargheit, verschwindet mit dem Grenzübertritt nach Italien aber bald in niedrigeren und vegetationsreicheren Gefilden in Richtung Susa.
Der Colle delle Finestre grüßt mit Wolken
Nach den Fahrern werden hier die Motorräder verpflegt und die Tanks gefüllt. Gerne würden wir zumindest für einen Espresso bleiben, doch über dem Colle delle Finestre türmen sich schon die Wolkenberge. Also zügig weiter. Der nächster Waypoint im GPS ist der Abzweig zur Assietta-Kammstraße.
Sich schwindelig fahren ist unter Motorradfahrern ja ein gern verwendeter Euphemismus, doch anders lässt sich die Fahrt hoch zum Colle delle Finestre kaum beschreiben. Gerade beschleunigen wir aus der einen Kurve raus, wird schon für die nächste gebremst. Teilweise müssen die Enduros im ersten Gang und mit schleifender Kupplung um die Radien gezirkelt werden. Und steil ist es. Den versprengten Gruppen von Radfahrern, die sich teilweise mit kleinem Gepäck behangen die Höhenmeter mit Muskelkraft erkämpfen, sieht man die Strapazen deutlich an und mein Respekt ist ihnen sicher.
Als sich das Gelände öffnet, geht die Straße zunächst in brüchigen Asphalt, letztlich in Schotter über und wir können uns schon mal an das Fahren auf losem Untergrund gewöhnen – und auch an die Gesellschaft von anderen Stollenreitern. Auf der Südseite angekommen nehmen wir ein kurzes Asphaltstück unter die Räder, bevor es in einer Kurve endlich auf die Assietta-Kammstraße geht. Die ersten Kilometer sind etwas ruppig, der Schotter faustgroß und zu unserer Linken geht es teilweise senkrecht in den Abgrund. Obwohl wir ohne Camping-Equipment losgezogen sind, ist doch allerhand an Bord unserer Maschinen.
Tagesziel und Highlight: Colle dell Assietta
Wie das nun mal so ist, werden vorhandene Gepäckkapazitäten unabhängig vom Reise-Charakter meist ausgeschöpft. Jetzt wird jedes unnötige Pfund zum Ärgernis – auch wenn die AKS sich schon bald von einer weniger anspruchsvollen Seite zeigt. Es ist sogar unerwartet wenig los hier oben. Eigentlich sind die 35 Pisten-Kilometer aufgrund ihres gemäßigten Anspruchs an Material und Fahrer äußerst beliebt und entsprechend dicht frequentiert.
Häufig liest man von Touren-Motorrädern oder gar sportlichen Naked Bikes, die mit voller Besatzung zum Gipfelsturm durch die geschotterte Bergwelt manövriert werden. Fahrspaß liegt offenbar im Auge des Betrachters, denn wir sind durchaus froh über unsere langen Federwege, die Bodenfreiheit und – an den, von den Regenfällen der vergangenen Tage glitschigen Abschnitten – Semi-Stollen-Heidenaus.
Mit der leichten Material-Übermotorisierung müssen wir dem Untergrund nicht allzu viel Aufmerksamkeit widmen und können selbst bei zügigem Tempo noch mit einem Auge in die Landschaft spinksen. Zwar verhüllen Wolken- und Nebelfetzen hin und wieder die umliegenden Gipfel, doch insgesamt ist uns das Wetter äußerst gnädig gesonnen.
Am obligatorischen Foto-Stopp auf der Assietta Passhöhe scheint sogar die Sonne. Reiseenduro-Herz, was willst du mehr? Auf den folgenden Kilometern zum Col Basset sind wir alleine auf der Piste, die in diesem Abschnitt fast auf einer Höhe verläuft und fahrerisch wenig anspruchsvoll ist. Hier und da ein paar Auswaschungen, Matschpfützen und einige spaßige Bodenwellen – ansonsten wartet das hochalpine Gelände mit keinen unvorhergesehenen Überraschungen auf. Talblick bekommen wir allerdings nicht mehr und der Mont Chaberton, den man von hier oben bei guten Wetterverhältnissen offenbar bestaunen kann, bleibt in den Wolken verborgen.
Dramatische Abfahrt nach Sestriere
Der Mix aus Nebelfetzen, Wolkenlöchern, dramatischem Licht und grandioser Landschaft macht geradezu euphorisch und als wir kurz vor der Abfahrt nach Sestriere an einer Gruppe Geländewagen mit aufgestellten Dachzelten vorbei kommen, bereue ich es – ganz im Gegensatz zu gestern Abend – dass wir nicht wenigstens Isomatten, Schlafsäcke und ne Pulle Wein im Gepäck haben, um die Nacht unter freiem Himmel zu verbringen.
Mit einem lachenden und einem weinenden Auge denke ich an den Westalpen-Ritt mit Kollege Christoph Driesen zurück. Damals verteilte die kurze, aber heftige Piste zum Col de Mallemort Beulen an Alukoffer und Enduro-Egos. Die Belohnung war eine sternklare Nacht am Lagerfeuer in den Mauern des Fort de Viraysse.
Als die umliegenden Berge Sestriere schon beschatten, parken wir die eingematschten Enduros äußerst zufrieden mit unserem Tageswerk vor der Herberge. Wenn es so läuft wie heute, kann man auch mal eben kurz in die Alpen aufbrechen. Am nächsten Morgen satteln wir früh auf und machen uns schweren Herzens auf den Weg nach Norden. Am liebsten würden wir uns fröhlich schotternd weiter Richtung Mittelmeer orientieren.
Wir diskutieren kurz, ob es nicht noch irgendwie machbar ist, den Col d’Izoard und Col du Galibier in unsere Route einzubauen, doch letztlich ist der Verzicht auf weitere Schmankerl der Tribut, den wir für das knappe Zeitfenster zahlen müssen. Uns trennen etwa 1000 Kilometer von der heimatlichen Eifel und da wir schon ein Pickerl für die Schweiz haben und nicht zusätzlich in Frankreich Maut bezahlen wollen, steht der Entschluss fest, mit möglichst vielen Kurven und einem Abstecher ins Aostatal auf die Schweiz zu zielen.
Dass uns das Navi dabei in Teilen auf über bereits gefahrenen Strecken führt, erscheint uns wenig dramatisch, denn mit Blick nach Norden sehen Col du Mont Cenis und Col de l’Iseran sicherlich nicht weniger schön aus. Gesagt getan. Da wir Banausen das Forte di Fenestrelle auf der Südseite des Colle delle Finestre gestern wortwörtlich links liegen gelassen haben, legen wir einen kurzen Stopp am Fort Victor-Emmanuel ein, eine eindrucksvolle Trutzburg, die auf einem Felsen im Arc-Tal thront.
Die Festungsanlage ist Teil der Barrière de l’Esseillon, einer Verteidigungslinie aus insgesamt fünf Forts, die Anfang des 19. Jahrhunderts von damaligen sardischen König Victor-Emmanuel errichtet wurde, zu dessen Königreich die Region Savoyen damals gehörte. Die Gemäuer sind verglichen mit der Fenestrelle-Festung ein Kleinod, denn die ist das größte europäische Bauwerk dieser Art.
Die Westalpen sind geprägt von alten Burgen
Mit einer Ausdehnung über drei Kilometern wird die »Große Mauer des Piemonts« in einem Atemzug mit der Chinesischen Mauer genannt. Im Inneren befinden sich zwei gigantische Treppen, mittels derer alle Teile der Anlage begangen werden können: Die äußere Scala Reale mit 2500 Stufen und die innenliegende Scala Coperta mit sage und schreibe 4000 Stufen.
Asche auf unsere behelmten Häupter, dass wir gestern der Assietta der Vorzug gegeben haben. Noch eine Pizza zur Stärkung, einen tiefschwarzen Espresso hinterher und schon läuft unsere Tour wie auf der Rückspultaste. Höchste Kurvenpriorität, gehalten wird nur noch zum Tanken. Am Nachmittag blicken wir erneut auf das Montblanc-Massiv, biegen jetzt aber nach Osten ab – Kurs Richtung Aosta und von dort zum Großen Sankt Bernhard.
Doch je näher wir dem finalen Alpen-Akt kommen, desto düsterer wird der Himmel und schon bald steht das Wasser wieder auf den Straßen und in den Stiefeln. Eine kurze Lagebesprechung am Straßenrand gibt einstimmig dem Tunnel den Vorrang. Auf der Rampe übertönt der Donner den Sound unserer Motoren – Déjà-vu. Zum Schnäppchenpreis von 26,90 Euro pro Motorrad verschwinden wir im Berg und hoffen auf den fast sechs überdachten Kilometern vergeblich auf besseres Wetter. Und so endet die Reise, wie sie auch angefangen hat.
Die zahllosen Eindrücke der letzten drei Tage sind dicht gepackt in unseren Köpfen und überlagern definitiv den nicht ganz so erfreulichen Teil, der noch vor uns liegt. Für ein langes Wochenende in die Alpen? Würde ich jederzeit wieder machen.
Tourfacts
- Strecke: ca. 420 km
- Fahrzeit: ca. 12 h
- Fahrzeuge: BMW R1250 GS, Honda CRF1000L Africa Twin
- Reisezeitpunkt: Mai bis August
Alan Klee
Alan Klee ist freischaffender Journalist, reist, fotografiert und schreibt für sein Leben gern. Seit 2011 sitzt er für verschiedene Motorrad Magazine im Sattel und hat in der Zeit diverse Tests und Reportagen eingefangen – beziehungsweise eingefahren. Als alternative Reise-Vehikel stehen neben dem Motorrad auch Fahrräder, Boote oder Wanderstiefel hoch im Kurs.
