Rasantes Idyll: Eine Reise zur Isle of Man

isle of man ©Alan Klee
Lesezeit: 8 Minuten

Wer sich einerseits eine ordentliche Prise Road Racing einverleiben, anderseits aber nicht dem absoluten Ausnahmezustand der TT hingeben möchte, liegt mit einer Reise auf die Isle of Man während der Classic TT goldrichtig.

Isle Of Man Map
Highlights der Isle of Man | 150 km | © OpenStreetMap / BRouter-Web 0.18.1

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»Boah, haste die Hailwood Honda gesehen?«. »Ne, ich hatte gerade nur Augen für die Brough!« »Guck mal da, Frankensteins Tochter – und in was für nem top Zustand!«. Der Abend senkt sich über Douglas, die Hauptstadt der sagenumwobenen Insel inmitten der Irischen See. Doch trotz der einsetzenden Dämmerung kehrt auf der Uferpromenade des sonst eher beschaulichen Städtchens keine Ruhe ein.

Aufgereiht: Brough Superior, Vincent, Egli & Co.

Alles, was über zwei Räder und einen Motor verfügt, scheint unterwegs zu sein. Wer gerade nicht selbst auf dem Bock sitzt – so wie wir – schlendert im gemächlichen Tempo und vor Begeisterung leuchtenden Augen von einer geparkten Schönheit zur anderen, immer drauf bedacht den Blick nicht zu lange von der Straße abzuwenden, denn was meist lediglich im Museum zu bewundern ist, wird hier mit Verve über das geschichtsträchtige Pflaster gelenkt.

Reise Isle of Man ©Alan Klee
Bewegte Oldtimer in Hülle und Fülle bietet die Classic TT auf der Isle of Man.

Isle of Man – was für ein klang- und verheißungsvoller Name. Man muss kein Rennsport-Geek sein, um von der Energie, der Atmosphäre, dem Mut und den Fähigkeiten der hier antretenden Fahrer mitgerissen zu werden.

Das gilt vor allem für die legendäre Tourist Trophy, aber ebenso für die Veranstaltung der Classic TT, die jährlich Ende August stattfindet. Hier geht es bisschen gemütlicher zu, viel altes Eisen, nicht ganz so viele Besucher auf der Manx und folglich auch bessere Chancen, Fährtickets und bezahlbaren Wohnraum während des Events zu ergattern.

Fährtickets sind schwer zu ergattern

Trotzdem wird einiges geboten, denn die Oldtimer-Rennen sind nur ein Höhepunkt des Isle of Man Festival of Motorcycling. Abgesehen davon hat die rund 600 km² messende Insel auch abseits des Rennzirkus eine ganze Menge zu bieten, wie uns die nächsten Tage zeigen sollten.

Am nächsten Morgen beziehen wir kurz hinter »Governors Bridge« unseren Posten an der Strecke, um beim Qualifying der Lightweight-Klasse zu zuschauen. Was für ein Spektakel! An die Mauer gelehnt verfolgen wir, wie die schnellen Jungs und Mädels nur wenige Meter entfernt aus der kurzen Rechtskurve kommen, durchladen und hinter der roten Telefonzelle Richtung Grand Stand verschwinden. Von irgendwo her ertönt »Manx Radio« mit den aktuellen Zeiten, den Streckeninfos und vor allem Infos zur stets etwas durchwachsenen Wettersituation auf dem eigentlichen Mountain Course.

isle of man wappen ©Alan Klee
Die "Drei Beine des Mannes" sind das Wappen der Insel und stammen aus dem 13. Jahrhundert.

Also dem auf über 400 hm führenden Abschnitt zwischen Ramsey und Douglas, vorbei am Snaerfel, dem höchsten Berg der Insel. Wenn das Wetter dort oben nicht mitmacht, der Nebel hartnäckig um die Gipfel wabert, werden Rennen und erst recht Zeitfahrten abgebrochen, verschoben oder gar vertagt.

isle of man tt beer ©Alan Klee
Auf der IoM muss auch Redkordsieger John McGuiness auf anderes Bier umschwenken.

Am Grand Stand in Douglas erfahren wir, dass die Classic Rennen mit den ganz alten Hobeln für die diesjährige Veranstaltung schon gelaufen sind und lediglich die Lightweights und die Superbike Classics mit eher zeitgemäßem Material noch ausstehen. Schade. Doch eine frühere Anreise wäre ohnehin nicht möglich gewesen, die Fährtickets zur Manx waren trotz frühzeitiger Buchung schon knapp und zum Beginn der Veranstaltung vergriffen.

Motorsport hautnah: Offenes Fahrerlager

Der nächste Start wird vorbereitet. Alles hautnah, denn das Fahrerlager ist offen und Fahrer samt Maschinen werden unter den neugierigen Blicken der Zuschauer zur Abnahme und anschließend zur Startaufstellung eskortiert. Von der Tribüne aus beobachten wir, wie die Piloten im 10 Sekunden Abstand auf die 60 Kilometer Runde geschickt werden. Die schnellsten unter ihnen kommen nach knapp 19 Minuten wieder in Douglas vorbei.

Was das für eine immense Leistung ist, wird uns erst am nächsten Tag im vollen Umfang bewusst, als wir auf dem Weg nach Peel Teile der Strecke selbst befahren, denn der Verkehr wird nur während der Qualifyings und Rennen gestoppt. Lediglich ein paar Strohballen erinnern daran, dass hier Geschwindigkeitsrekorde eingefahren werden. Ansonsten ist die Strecke eine ganz normale Straße, mit teilweise lausigem Belag, vielen Markierungen, Schildern, Ecken und Kanten und vor allem verdammt vielen Steinmauern – wahrlich kein Platz für Fehler.

Reise Isle of Man ©Alan Klee
Zu den Sperrzeiten wird aus der Landstraße eine Rennstrecke.

Wir lassen es ohnehin langsam angehen, haben schließlich jeweils auch nur 50 PS zur Verfügung und müssen uns zudem ans Regelwerk halten. Mit den Nasen im Wind und dem Blick über die grünen Hügel schweifend, fahren wir nach Peel. Die Distanzen auf der Man sind sehr übersichtlich und so klappen wir nach 20 km schon wieder die Seitenständer am langen Sandstrand und mit Blick auf Peel Castle aus.

An den Anblick wunderbarer alter Motorräder haben wir uns noch immer nicht gewöhnt, weshalb erst mal Flanieren und Staunen auf der Agenda steht. Viele der alten, entlang der Promenade geparkten Eisen – die meisten in top Zustand – tragen Startnummern von den vorangegangenen Rennen.

Auf der Isle of Man werden die Oldies bewegt

Viele kommen aus dem Ausland und sind teilweise quer durch Europa auf Achse angereist, wie uns die Besitzer beim Benzingespräch mit viel Understatement versichern. Trotz etlicher Jahre auf dem Buckel, viel investierter Zeit, Unmengen Herzblut und einigen Scheinen werden die meisten Maschinen, die sich hier tummeln, regelmäßig gefahren. Und zwar nicht im Korso-Tempo.

Peel ist ein verschlafenes Nest, das vom glasklaren Wasser der Irischen See umspült wird. Mit dem Hafenbecken, den kleinen und großen sandgesäumten, mit Muscheln übersäten Buchten rund um das im 11. Jahrhundert von den Wikingern erbaute Castle und der extra-grünen Hügellandschaft taugt der Ort zum klischeehaften Postkartenmotiv.

isle of man ©Alan Klee
Kleinststraßen laden zu Abstechern zur Küste ein.

Die Sonne taucht die Szenerie in ein spätsommerliches Licht, sorgt für angenehme Temperaturen und trockenen Asphalt – Zeit, die Reifen rund zu fahren. Wir halten uns entlang der Küste nach Norden und treffen in Kirk Michael in der »Douglas Corner« wieder auf die TT Strecke. Da im Augenblick weder Rennen noch Trainings gefahren werden, lenken wir die Mopeds vorbei an namhaften Stellen wie der »Ballaugh Bridge« – freilich ohne uns in die Lüfte zu erheben.

Wann immer es geht, biegen wir auf kleine Seitenstraßen Richtung Küste ab. Hier lohnt jeder Abstecher. In Jurby gibt es neben einer kleinen Rennstrecke das unbedingt sehenswerte »Isle of Man Motor Museum«, in dem Schätze auf zwei und vier Rädern zu bestaunen sind – mit Muse ein beinahe tagesfüllendes Programm.

Neben den Rennen ist es ruhig auf der Manx

Am Point of Ayre Lighthouse sind wir nicht nur am nördlichsten Ende der Manx angekommen, sondern erleben auch eine völlig andere Seite der kleinen Insel. Es ist vollkommen ruhig, kein Motorenlärm, vereinzelt ein paar Menschen, die wir auf dem weitläufigen Kiesstrand schnell aus den Augen verlieren. Krümmer knacken, Bienen summen, das Meer rauscht sanft und eine leichte Prise raschelt kaum wahrnehmbar durch das hohe Dünengras – was für ein Idyll.  Und was für ein vollkommener Kontrast zu den kreischenden Motoren, den aberwitzigen Geschwindigkeiten.

In Ramsey hat uns die TT-Stimmung schnell wieder im Griff. Wie wir am Vorabend im Pub erfahren haben, ist die berühmtberüchtigte Bergstrecke zwischen Ramsey und Douglas heute wie am »Mad Sunday« als temporäre Einbahnstraße angelegt.

Reise Isle of Man ©Alan Klee
Die normale TT findet Ende Mai statt und bildet den Höhepunkt der Road-Racing-Saison.

Als wir noch hinter Autos her zuckelnd durch die »Hairpin« rollen, merke ich schon, wie es in meinem Bauch kribbelt, ab »Waterworks« gibts kein Halten mehr. Ich schalte zwei Gänge runter und gebe meiner betagten Güllepumpe die Sporen. Mit dem Kinn auf dem Tank und rutschender Kupplung jage ich mit der Honda, durchflutet von Euphorie und Adrenalin Richtung »Snaerfell Gate«.

Mit dem Gasgriff am Anschlag und ein Jauchzen geht es vorbei an »Black Hut«, weiter zu »The Verandah«, wo es Connor Cummins im Senior Race 2010 unglaublich heftig über die Kante katapultiert hat. »Bungalow«, »Hailwood Rise«, »Windy Corner« und schließlich »Kates Cottage« von wo aus es auf die lange Gerade runter zu »Creg-ny-Baa« geht. Was für ein Rausch! »Brandish Corner« – gefühlt war ich noch nie so schnell – könnte am Jethelm liegen oder am rustikalen Material. Immerhin geht meine CX steil auf die 40 zu. Bei der kleinen »Hillberry« Tribüne halte ich an, atme durch, freue mich, bin voll im Hier und Jetzt.

isle if man Craig-ny-Baa ©Alan Klee
Legendäres Lokal: Ein Stopp an der Creg-Ny-Baa ist ein Muss.

Der nächste Morgen ist grau und laut Manx Radio sind die Sichtverhältnisse in den Bergen sehr schlecht. Der anstehende Rennstart wird sich verzögern. Macht nichts, denn wir haben einen guten Platz direkt hinter dem Fangzaun des Craig-ny-Baa Pub bezogen und trinken schwarzen Tee mit Kondensmilch aus Styropor-Bechern – very British!

Auf der Insel gibt es nur einen Sender: Manx Radio

Irgendwann tönt der Sound hochdrehender Reihenvierer über die Berge und schon kommen sie angeschossen, bremsen mit schwänzelnden Hinterreifen runter und biegen mit dem Knie am Boden knapp an den Innen-Curbs vorbei um die Ecke. »Ahhhhs« und »Ohhhhs« schallen durch die Reihen der Zuschauer und im Hintergrund läuft irgendwo – wie könnte es anders sein – Manx Radio mit den aktuellen Zeiten.

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Die Sonne kommt raus und uns zieht es nach Süden. Castle Town, Port St. Mary und dann durch Cregneash bis ans Ende der South Road, die am Meer vis-à-vis der Insel Calf of Man und dem vorgelagerten Felsen Kitterland endet. Die kräftige Strömung der blauen Irischen See ist mit bloßem Auge sichtbar und von Zeit zu Zeit streckt eine Robbe den Kopf aus dem kalten Wasser.

Der Landzipfel ist nicht nur räumlich meilenweit vom Rennspektakel entfernt und wir sind erneut erstaunt, wie auf der Man trotz ihrer Kleinräumlichkeit der Rennzirkus und verschlafen ruhige Ecken koexistieren. Im weichen Licht des frühen Abends lenken wir unsere Maschinen gemächlich über Glen Rushen und Dalby, vorbei an Glenmaye nach Peel und von dort zurück nach Douglas.

Viele Kuriositäten verlängern jeden Fußweg

Salzwassergeruch wechselt sich auf dieser wunderschönen Etappe mit dem erdig-torfigen Geruch der Hügel ab. Obwohl sich das »Isle of Man Festival of Motorcycling« dem Ende zuneigt, sind noch immer viele Kuriositäten auf und neben der Straße zu bewundern und so brauchen wir auch an diesem Abend für die paar Meter zum nächsten Pub recht lange.

Reise Isle of Man ©Alan Klee

Hier ein Schnack, dort ein Foto – wir können uns kaum sattsehen. Morgen früh legt die Fähre nach Heysham ab. Für Rigo und Bernd geht es weiter nach Wales und von dort via Ace Cafe durch Frankreich und Belgien nach Hause – sie haben noch eine beneidenswerte Woche Zeit. Ich mache mich auf den Weg Richtung Yorkshire Dales und nehme anschließend die Fähre von Hull nach Rotterdam, von wo aus es nur noch ein Katzensprung ins heimische Rheinland ist.

Als das letzte Bier vor uns auf dem blank polierten Tresen steht, schaut Bernd erwartungsvoll in die Runde: »Und?«, sagt er, »fahren wir nächstes Jahr wieder?«

Dieses Jahr findet die Tourist Trophy, also die Isle of Man TT vom 26. Mai bis 07. Juni statt. Im August gastiert das Altmetall zur Classic TT vom 17. bis 25.08. auf der britischen Insel in irischer See.

Tourfacts

  • Strecke: ca. 150 km
  • Fahrzeit: 4 h
  • Fahrzeug: Custom Honda CX500
  • Reisezeitpunkt: Mai bis August
Bild von Alan Klee

Alan Klee

Alan Klee ist freischaffender Journalist, reist, fotografiert und schreibt für sein Leben gern. Seit 2011 sitzt er für verschiedene Motorrad Magazine im Sattel und hat in der Zeit diverse Tests und Reportagen eingefangen – beziehungsweise eingefahren. Als alternative Reise-Vehikel stehen neben dem Motorrad auch Fahrräder, Boote oder Wanderstiefel hoch im Kurs.

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