Motorradtour Spessart: Vorzeitige Sommerflucht

Motorradtour Spessart ©Alan Klee
Lesezeit: 6 Minuten

Der Sommer wird kommen, soviel ist gewiss. Höchste Zeit also für einen letzten entspannten Ritt auf trockenen und vor allem leeren Straßen bei annehmbaren Temperaturen. Dafür eignet die Motorradtour Spessart im Frühling hervorragend. 

Bis vor nicht allzu langer Zeit war ich ganz angetan von der Idee, mit der bildschönen und sehr charismatischen Moto Guzzi V7 Scrambler durch aufblühende Landschaften zu tingeln. Mit kleinem Gepäck und ohne den üblichen Vollausstattungs-Schnickschnack. Einfach nur die Guzzi und ich. Eine letzte Runde, bevor der Sommer kommt und damit massiver Verkehr die Straßen einnimmt. Oder doch noch mal schnell in die Alpen? Ans Meer, am liebsten mit Zelt!

Motorradtour Spessart
Tagestour Spessart | 187 km | © OpenStreetMap / BRouter-Web 0.18.1

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Einen ersten Dämpfer gab mir die heimische Eifel schon vor der Abreise: Nach dem ersten frühen Ausritt mit Jethelm saß mir eine nahende Erkältung latent im Nacken. Also wurden kurzerhand Ambitionen und Ausrüstung den Gegebenheiten angepasst: Spessart mit Integralhelm, Hotel statt Zelt und Abfahrt erst am Vormittag, denn wärmer wird es erst spät am Tag. Schon knapp hinter Köln wäre ich am liebsten von der Sitzbank in den Tankrucksack umgezogen. Das Thermometer schwankt zwischen schattigen zwölf und lausig kalten zehn Grad, als die Guzzi die lange Rechtskurve der Autobahnabfahrt bei Aschaffenburg durcheilt.

Motorradtour Spessart: Kling nur unglamourös

Spessart: Klingt unglamourös und angestaubt, nach tiefster deutscher Provinz und Kaffeefahrt-Rentnern unter Heizdecken. Tatsächlich beheimatet das Mittelgebirge die größte zusammenhängende Fläche an Laubwäldern in Deutschland. Eigentlich genau das, was ich für diesen Kurz-Trip gesucht habe. Mein Ziel ist Lohr am Main. Hier hoffe ich, einen warmen Kaffee und alte Bausubstanz zu finden.

Dass Lohr nicht nur auf alte, tipptopp restaurierte Fassaden, sondern auch auf eine beachtliche Geschichte zurückblicken kann, zeigt ein Blick ins Internet. Schon im 13. Jahrhundert wurde die Stadt am Main erstmals urkundlich erwähnt, vom Dreißigjährigen Krieg blieb sie anfangs weitgehend verschont, wurde aber in dessen Verlauf zunächst von den Schweden und anschließend von der Pest heimgesucht.

Motorradtour Spessart ©Alan Klee
Lohr am Main: Pittoreske Fassaden laden zum Schlendern ein.

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts erholte sich die stark dezimierte Bevölkerung von den Folgen der Epidemie. Seit 1814 gehört die Stadt zu Bayern und hat sich seitdem zu einem sehr ansehnlichen Fleckchen Erde gemausert.

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Ich wende die Guzzi und bollere zurück in die Wälder. Kurz hinter Lichtenau schimmert Wasser durch das schon dichte Laub – Fauna und Flora sind im Spessart bereits deutlich weiter als in der Eifel. Farngesäumt und mit reichlich Biomasse vom letzten Jahr gefüllt, liegt der Eichensee unweit der Straße. Am Ufer sitzend und mit der beinahe wärmenden Sonne im Gesicht muss ich an Henry David Thoreaus Werk »Walden« denken.

Einfach eine Hütte im Wald aufstellen, den Überfluss der Zivilisation verbrennen und sich an den Flammen wärmen? Die knackenden Krümmer der Guzzi holen mich zurück aus dem alternativen Ausstiegsszenario. Keine Angst, Bella! Dich würde ich auch im eisigsten Winter nicht verheizen.

Motorradtour Spessart ©Alan Klee
Der Spessart bietet die größte zusammenhängende Fläche Laubwald in Deutschland

Obwohl die Sonne scheinbar gebündelte Strahlen durchs aufkeimende Blätterwerk schickt, ist die Temperatur noch immer niedrig. Auf der wunderbar mäandernden Landstraße beschließe ich also frierend, aber vergnügt den Anfang des Sommers. In Mespelbrunn hat man sich offenbar Ähnliches gedacht, widmet sich mit Besen und Kehrblech der Ortststraße. Ich folge den Schildern zum Wasserschloss Mespelbrunn und hoffe, der V7 hier eine angemessene Kulisse bieten zu können. Ohne Guzzi, dafür aber mit einem gewinnenden Lächeln laufe ich bis zum Kassenhäuschen und trage mein Anliegen vor.

Auch im Spessart sind legale Schotterwege rar

Nein, mit dem Motorrad bis zur Wasserkante vorzufahren, sei leider unmöglich, lässt man mich wissen. Privatgelände. Dafür lässt man mich netterweise ohne Gebühr für ein paar Schmuckfotos aufs Gelände. Das Schloss diente übrigens dem mir gänzlich unbekannten Film »Das Wirtshaus im Spessart« als Kulisse. Mespelbrunn verschwindet in den vibrierenden Rückspiegeln, während ich den Spessart vor lauter Bäumen nicht sehen kann. Wie in der restlichen Republik sind Schotterabstecher auch hier dünn gesät.

Motorradtour Spessart ©Alan Klee
Das Wasserschloss Mespelbrunn - ein optisches Highlight der Tour.

Bei jeder sich eventuell bietenden Gelegenheit verlangsame ich die Guzzi nur, um beim Blick in den grünen Tunnel das nächste Verbotsschild zu erhaschen. Doch plötzlich rumpelt rechts zwischen den Bäumen ein gelbes Post-Auto aus dem Wald. »Hundsrück« steht auf der den Weg flankierenden Tafel.

Die folgenden zwei Kilometer führen über aufgerissenen alten Asphalt, loses Geäst und oberflächlichen Schotter. Die Fahrt endet am »Hof Hundsrück« beziehungsweise an der angrenzenden Waldbrand-Destille. Und da mir die Kälte mittlerweile schon in den Knochen sitzt, hätte ich gegen einen wärmenden Schnappes nichts einzuwenden. Doch auch hier befindet noch nichts im Sommermodus. Keiner da – verschlossene Türen. Nur die Hunde schlagen an und motivieren mich zu einer schnellen Weiterreise.

Motorradtour Spessart ©Alan Klee
Schwer zu finden: Legale Schotterpisten in Deutschland.

Wertheim wird auf dieser Tour den südlichsten Punkt markieren und angesichts der fortgeschrittenen Tageszeit vermutlich ein geeignetes Nachtquartier offerieren müssen. Die Schatten werden schon lang, als ich längs der Straße einen Hügel erspähe, auf dem eine prächtige Eiche thront, deren exponierte Lage Fernsicht gen Westen verspricht.

Wertheimer Burg: Lichterspiel im Main

Während ich an das Vorderrad der Guzzi gelehnt die Abendstimmung genieße, verschwindet die Sonne am Horizont. Als der Farbübergang vom noch hellen Horizont bis ins Tiefdunkelblaue über mir reicht und die ersten Sterne zu erkennen sind, nehme ich im Schein des Rundscheinwerfers die letzten Kilometer nach Wertheim unter die Räder.

Motorradtour Spessart ©Alan Klee
Immer einen Nachtspaziergang wert: Der Blick auf die erleuchtete Wertheimer Burg.

Dort, jenseits des Mains, befindet sich laut App ein Hotel, das hoffentlich ein warmes Zimmer, etwas zu essen und ein Feierabend-Bier für mich hat. Doch die warme Stube muss etwas warten, denn Wertheim bei Nacht ist ein attraktives Pflaster. Nicht – wie man meinen könnte – wegen eines florierenden Nachtlebens in den Fachwerkgassen, sondern in erster Linie aufgrund des sehr fotogenen Blicks auf die nächtlich erleuchtete Wertheimer Burg, deren Illumination sich im pechschwarz dahinfließenden Main spiegelt.

Der nächste Morgen begrüßt den Italo-Scrambler samt Besatzung mit frischen sechs Grad und der Aussicht auf einen sonnigen Tag. In den Tälern hängt der Morgennebel zum Teil noch sehr dicht und auch über der Wasseroberfläche des Mains wabern dünne Schwaden flussabwärts. Mein Ziel ist der letzte aktive, mit Wasserkraft angetriebene Hammer im Spessart.

Motorradtour Spessart ©Alan Klee
Flora und Fauna ist im Spessart schon deutlich weiter als in der Eifel.

Das Hammerwerk samt angrenzendem Museum befindet sich in einem alten Fachwerk-Gebäudekomplex, in dem die Zeit augenscheinlich stehen geblieben ist. Der per Wasserrad angetriebene Hammer wurde erstmals 1779 in Betrieb genommen und ist eine derart gut durchdachte Konstruktion, dass man die alte Schmiede noch heute zumindest zu Vorführzwecken nutzen kann.

Die Motorradtour Spessart geizt nicht mit Reizen

Ich lasse mich treiben, fahre hier lang, biege dort ab. Der Spessart geizt nicht mit Reizen und schon gar nicht mit Kurven. Meistens sind die Guzzi und ich allein auf weiter Flur – der Plan der Sommerflucht geht auf. Nur in den Ortschaften entlang des Mains bündelt sich der Verkehr, weshalb ich den Scrambler, wann immer es geht, wieder in die Wälder und auf die weiten Felder der Westausläufer des Spessarts lenke. Im durchaus pittoresken Miltenberg ist ein Weinfest im vollen Gange.

Motorradtour Spessart ©Alan Klee
Es geht heim. Der mentale Speicher ist gefüllt mit Erinnerungen an pure Fahrfreude.

Von hier ist es eigentlich nur noch ein Katzensprung in den Odenwald, doch mich zieht es zurück nach Norden. Bei Klingenberg überquere ich ein letztes Mal den Main und erklimme wieder höhere, verlassenere Gefilde. Eine gute und kurvenreiche Entscheidung, die teilweise über einspurige Landstraßen führt. Auch wenn die Kälte längst wieder unters Leder gekrochen ist – in diesem Moment kann es nichts Besseres geben, als auf der Guzzi durchs Land zu ziehen. Was für ein gelungener Saisonbeginn denke ich, als die V7 die lange Rechtskurve auf die A 3 nimmt. Jetzt kann er von mir aus kommen, der Hochsommer mit all seinem Verkehr. Mein mentaler Speicher ist gefüllt mit ungetrübten Erinnerungen an leere Straßen, tolle Ausblicke und freie Kurven.

(Bilder: Alan Klee)

Bild von Alan Klee

Alan Klee

Alan Klee ist freischaffender Journalist, reist, fotografiert und schreibt für sein Leben gern. Seit 2011 sitzt er für verschiedene Motorrad Magazine im Sattel und hat in der Zeit diverse Tests und Reportagen eingefangen – beziehungsweise eingefahren. Als alternative Reise-Vehikel stehen neben dem Motorrad auch Fahrräder, Boote oder Wanderstiefel hoch im Kurs.

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